Großer Karfreitags-Tauschtag in Rathenow
In der Aula der Grundschule am Weinberg findet am 3. April 2026 ab 9:00 Uhr wieder ein Tauschtag für Briefmarken, Bankwährungen usw. statt.
Mehr Infos siehe NEUES-Beitrag "Großtauschtag in Rathenow"
Kurztext:
Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt gelangten 1945 bei Tangermünde über die Elbe in amerikanische Gefangenschaft. Beide verdankten ihr Überleben der Entscheidung von General Walther Wenck, seine 12. Armee nicht nach Berlin, sondern nach Westen zu führen. Beide erinnerte sich lebenslang dankbar an Wenck und an die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage.
Erfolgreich in den Westen abgesetzt
Auch Genscher und Hildebrand gingen 1945 bei Tangermünde über die Elbe
von Hans- Jürgen Wodtke
Im Jahre 2005 übernahm mein Büro maßgeblich die Organisation einer Geschichtsveranstaltung zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in der Region. Damals erhielt ich die Information, dass auch Hans- Diedrich Genscher, als Soldat der Armee Wenck, im Mai 1945 bei Tangermünde die Elbe überquert hatte. Diesem Hinweis folgend, nahm ich mit seinem Büro Kontakt auf, um ihm zu einer Teilnahme an unserer Veranstaltung zu bewegen. Wenn er mir letztendlich auch eine Absage erteilten musste, so war es dennoch ein sehr netter Kontakt, der mir viele Informationen über seine letzten Tage als Soldat der 12. Armee bescherte. An dieses Erlebnis wurde ich jetzt wieder erinnert, als ich vom Ableben Hans- Diedrich Genschers erfuhr.
General der Panzertruppen Walther Wenck, Oberbefehlshaber der 12. Armee, Wehrmachtsangehörige auf der Flucht über die teilweise zerstörte Brücke bei Tangermünde, Hans- Diedrich Genscher als Arbeitsdienstmann 1944 kurz vor seiner Einberufung zur Wehrmacht. (v.l.) Sammlung Wodtke
Die 12. Armee Wenck und Genschers Einsatz 1945
Als 17jähriger kam Genscher zur 12. Armee, der Armee Wenck. Diese war im April 1945 Hitlers letztes Aufgebot, um die von mehr als zwei Millionen Rotarmisten eingeschlossene Reichshauptstadt zu entsetzen. General Wenck sollte dazu mit seinen Männern den Ring um Berlin durchbrechen und die Stadt befreien. Am 24.4.1945 überrannten daraufhin Einheiten dieser Armee bei Beelitz die russischen Stellungen. In der Nähe von Ferch bei Potsdam musste General Wenck mit seinen Truppen am 28.4.1945 wegen zu starker russischer Gegenwehr den Entsatzangriff auf Berlin schließlich abbrechen. Der Armee gelang es aber am 1. Mai 1945, noch etwa 20.000 Soldaten der 9. Armee aus dem Kessel von Halbe und zahlreiche Soldaten der Korpsgruppe Reimann aus Potsdam aufzunehmen. Ihr anschließender Rückzugsweg verlief durch die Regionen Brandenburg/Havel - Genthin - Rathenow und weiter in Richtung Tangermünde.
Zu dieser Zeit hatte der junge Soldat Genscher ein das weitere Leben stark prägende Erlebnis: „In den letzten Kriegstagen übernachtete ich in einem Kuhstall, als das Hoftor plötzlich knarrte und ein Rotarmist vor mir stand. Ein Milchgesicht, wie ich es war. Beide zogen wir unsere schussbereiten Maschinenpistolen. Doch wir schossen nicht. Schließlich schob ich geistesgegenwärtig das Tor wieder zu. Der Russe verschwand“. Genscher sagte dann: „Ich würde meinen Iwan – so nannten wir damals die Rotarmisten – zu gerne heute noch einmal wiedersehen.“
Verhandlungen über die Kapitulation und Vorbereitung des Elbübergangs
Ab dem Mittag des 3.5.1945 führten Abgesandte der 12. Armee mit dem Stab des 9. amerikanischen Armeekommandos in Stendal Verhandlung zur Kapitulation der deutschen Einheiten und der Überführung der kämpfenden Truppenteile über die Elbe in amerikanische Gefangenschaft.
Mit dem 6.5. 1945 lag der immer kleiner werdende Kessel zwischen Havelberg und Ferchland in Reichweite der sowjetischen Artillerie. Hier hatte bereits in den frühen Morgenstunden des 5. Mai 1945 das Übersetzen der deutschen Einheiten über die Elbe begonnen. Die Amerikaner hatten dazu vorher die Benutzung der zerstörten Elbbrücke bei Tangermünde im Fußgängerverkehr sowie den Fährverkehr bei Schönhausen, Tangermünde und Ferchland erlaubt.
Elbüberquerung unter Artilleriebeschuss
Schließlich durfte auch Soldat Genscher auf dem wackligen Behelfssteg die Brücke überqueren. Von der Ostseite der Elbe feuerte die russische Artillerie auf die Fliehenden. Die Granaten peitschten in die Fluten. „Wie viele meiner Kammeraden das Granatfeuer der Russen traf, wie viele ins Wasser stürzten, das habe ich damals nicht gesehen“, so Genscher, „um nicht selbst zu fallen, ging der Blick nur nach vorn ans westliche Ufer. Ich erinnere mich, wie ein Offizier mit der Reitpeitsche auf die Kameraden einschlug, sie dirigierte, auf dass nicht zu viele auf einmal auf die Brücke drängten.“
Das Genscher und die anderen rund 100 000 Soldaten und 300 000 Zivilisten das rettende westliche Elbeufer erreichten, verdanken sie, so Genscher, General Walther Wenck. Er widersetzte sich Hitlers Befehl und führte seine Männer nicht nach Berlin und damit ins Verderben, sondern in amerikanische Gefangenschaft. „Er war mir stets ein Vorbild an innerer Führung“, sagt er, „deshalb habe ich ihm nach dem Kriege für mein Leben und das meiner Kameraden persönlich gedankt“.
Dieter Hildebrandts Flucht über die Elbe
Auch Dieter Hildebrandt gehörte, wie Genscher, zur 12. Armee. Er hatte beim geplanten Übergang über die Elbe den Anschluss an seine Einheit verloren und suchte verzweifelt am Ostufer nach seinen Kameraden als plötzlich überall Rotarmisten auftauchten. Trotz hohem Fieber versuchte er durch den Fuß zu schwimmen und das rettende andere Ufer zu erreichen. In seinen Erinnerungen heißt es: „Die Russen haben geschossen, aber nicht getroffen. Als ich drüben ankam, war das Fieber weg. Ich war fast nackt, nur noch eine weiße Militärunterhose hatte ich an. Ein amerikanischer Soldat zwang jemanden, mir Sachen zu geben und führte mich dann netterweise zum Sammelplatz. Er hat mich befreit. Ja, ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen. Das war am 8. Mai. Ich weiß noch ganz genau, um 13 Uhr hörte das Schießen auf. Die deutschen Soldaten hatten alle Waffen auf einen Haufen geworfen.“
Dank an General Wenck
Wir hatten großes Glück, denn wir sind von erwachsenen, wirklich guten Offizieren vor dem Schlimmsten bewahrt worden. Doch genau betrachtet, haben wir alle dem jüngsten General der Wehrmacht, General Wenck, unser Leben zu verdanken,
Quellen:
• Hans- Jürgen Wodtke, Private Aufzeichnungen zum Kontakt mit Büro Genscher , Sommer 2005
• Tim Pröse, "Abkommandiert für ein Himmelfahrtskommando", FOCUS-Redakteur Focus Online
• Oliver Das Gupta, "Ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen",
Süddeutsche Zeitung 20. April 2005
• Hans- Jürgen Wodtke, „Flucht über die Elbe“ in BRAWO vom 17.Mai 2015
Erschienen mit geringfügigen Änderungen am 8. Mai 2016 in der BRAWO, Lokalausgabe Rathenow
• Literatur zu Krieg und Neuanfang im Havelland